Den Auftakt zum Friedensfest bildete ein Diskussionsabend im Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg in Lüdinghausen.
Roland Grund als Schirmherr der GuF eröffnete das Fest des Friedens offiziell, Bürgermeister Ansgar Mertens und Pfarrer Benedikt Elshoff schufen den regionalen Diskussionsrahmen und Bezug des Themas zu Lüdinghausen. Sachlich, unaufgeregt und inhaltlich versiert führte Dr. Yvonne Beerenbrock durch ein Programm, das drängende Fragen der Friedens- und Sicherheitspolitik in den Mittelpunkt rückte.

Impulsvortrag von Prof. Dr. Johannes Varwick: Stark für den Frieden: Was jetzt für eine rationale Sicherheitspolitik zu tun ist:
Den Auftakt der inhaltlichen Beiträge bildete ein rational-strategischer Impuls von Prof. Dr. Johannes Varwick zum Thema Sicherheitspolitik. Im Fokus stand dabei die Erkenntnis, dass nachhaltige Sicherheit auf Balance angewiesen ist: Verteidigungsfähigkeit und diplomatisches Handeln schließen sich nicht aus, sondern verlangen besonnene, strategische Abwägungen anstelle kurzfristiger Eskalationsdynamiken. Die Thesen von Prof. Dr. Johannes Varwick stützen sich auf seine Publikation Stark für den Frieden: Was jetzt für eine rationale Sicherheitspolitik zu tun ist:
Kernaussagen des Vortrags
- Diplomatie und Strategiewechsel im Ukraine-Krieg: Der russische Angriffskrieg ist völkerrechtswidrig. Aus Sicht des Referenten hat die Bündnispolitik des Westens durch das Überschreiten diplomatischer Grenzen zur Vorgeschichte beigetragen. Das Festhalten an Maximalforderungen ohne Verhandlungsangebote – etwa zur Frage eines neutralen Status der Ukraine – verhindere eine politische Lösung.
- Rüstungskontrolle: Das Fehlen wirksamer Instrumente zur Rüstungskontrolle verschärfe das internationale Sicherheitsdilemma.
- Ausrichtung der Begriffe: Der politische Fokus sollte vom Begriff der „Kriegstüchtigkeit“ zurück auf das Konzept der „Verteidigungsfähigkeit“ verlagert werden.
- Eskalationsdynamik: Das Prinzip „Angriff ist die beste Verteidigung“ führe zu einer Spirale von Feindbildern und militärischen Gegenreaktionen.
- Verteidigungshaushalt: Der geplante Anstieg der Verteidigungsausgaben von 30 Mrd. Euro (2014) auf über geplante 200 Mrd. Euro (2029) gehe mit Kürzungen in anderen Bereichen, insbesondere im Sozialetat, einher.
- Zivile Friedensförderung: Ressourcen für zivile Konfliktbearbeitung und Entwicklungszusammenarbeit werden im Bundeshaushalt reduziert.
- Auslandseinsätze der Bundeswehr: Bisherige militärische Auslandseinsätze (wie in Afghanistan) hätten die Sicherheitslage vor Ort nicht nachhaltig verbessert. Zivile Mittel seien wirkungsvoller.
- Militarisierung von Wirtschaft und Gesellschaft: Der wachsende Einfluss von Rüstungsinteressen (beispielsweise die Umnutzung ziviler Produktionsstandorte) verändere den gesellschaftlichen Diskurs zulasten ethisch fundierter Realpolitik.
- Interessen- und Werteorientierung: Eine rein werteorientierte Außenpolitik vernachlässige den pragmatischen Ausgleich von Interessen.
- Vorrang des Dialogs: Krieg führe zum Verschleiß der beteiligten Parteien ohne dauerhafte Konfliktlösung. Verhandlungen bleiben das zentrale Instrument zur Vermeidung von Eskalationen.

Impulsvortrag von Dr. Ruth-Gaby Vermot-Mangold: Sie können Krieg – wir können auch Frieden
Dem folgte mit dem Vortrag von Dr. Ruth-Gaby Vermot-Mangold ein gezielter Perspektivwechsel. Ihr Beitrag lieferte eine radikale, erfahrungsbasierte Sichtweise auf Konflikte aus der Perspektive von Frauen und stellte gewohnte Muster der Konfliktbewältigung konsequent infrage. Eine kurze Zusammenfassung
Kernaussagen des Vortrags:
I. Perspektive und Friedensverständnis
• Frieden als Lebensqualität: Frieden wird nicht nur als Abwesenheit von Krieg definiert, sondern als geschützter Lebensraum, der durch wechselseitige Toleranz und gesellschaftliche Teilhabe entsteht.
• Gegen die Unausweichlichkeit des Krieges: Krieg ist kein unabwendbares Schicksal, sondern das Ergebnis politischer Entscheidungen. Frieden erfordert aktive, gezielte Lösungsansätze.
II. Grundlagen präventiver Friedensarbeit
• Prävention vor Eskalation: Kriegsszenarien lassen sich durch funktionierende Frühwarnsysteme, kontinuierlichen Dialog und zivile Friedensförderung verhindern.
• Gesellschaftliche Pfeiler:
o Bildung und Aufklärung: Befähigung durch Schulbildung und Wissensvermittlung.
o Solidarität: Schutz und Unterstützung schwächerer gesellschaftlicher Gruppen.
o Beziehungsarbeit: Das Verstehen der Lebensrealität des Gegenübers („Wer bist du und wie lebst du?“) als Basis für Konfliktlösung.
III. Systemische Rollenbilder und institutionelle Teilhabe
• Kritik der Krieg-Frieden-Dramaturgie: Das tradierte Muster, wonach Männer Kriege führen und anschließend Friedensverträge aushandeln, greift zu kurz. Der feministische Ansatz setzt darauf, Konflikte durch vorsorgende Strukturen im Vorfeld zu vermeiden.
• Status der UN-Resolution 1325: Die im Jahr 2000 verabschiedete Resolution führte zwar temporär zu einer höheren Frauenquote in internationalen Gremien; in der aktuellen Weltordnung sind Frauen an Verhandlungstischen jedoch erneut stark unterrepräsentiert.
IV. Post-Konflikt-Phase und innere Aufarbeitung
• Konfliktende vs. innerer Frieden: Die bloße Beendigung von Kampfhandlungen führt nicht automatisch zu Frieden.
• Notwendigkeit der Aufarbeitung: Ein nachhaltiger Frieden erfordert die Anerkennung von Verlusten, die Aufarbeitung von Schäden und die Aufarbeitung gesellschaftlicher Traumata („Frieden ohne dass die Toten begraben sind, gibt es nicht“).
Die Thesen wurden von Ruth-Gaby durch persönliche Erlebnisse und Dokumentationen über und von Frauen in Kriegs- und Eskalations-Szenarien anschaulich mit Namensnennung und Beschreibung belegt..
Wer sich intensiver mit den Ideen, der Erfahrung und dem Menschen Ruth-Gaby Vermot-Mangold auseinandersetzen möchte, dem sei der unter dem Link erreichbare Podcast mit ihr auf der Website 1000peacewomen.org empfohlen
https://1000peacewomen.org/de/ueber-uns/geschichte/podcast-mit-ruth-gaby-vermot-mangold
Podiumsdiskussion
In der anschließenden, von Dr. Yvonne Beerenbrock geleiteten und durch Reinhard Burkhard, einem langjährigen hochrangigem Mitglied a.D. der Bundeswehr, komplettierten Podiumsdiskussion, wurden diese unterschiedlichen Ansatzpunkte zusammengeführt. Trotz der gegensätzlichen Positionen prägte der spürbare Wille aller Beteiligten den Diskurs, einander näherzukommen, Einwürfe konstruktiv einzuordnen und den offenen Austausch zu suchen. Den Abschluss fand dr Abend in einer angeregten Frage-und Antwortrunde mit dem Plenum.

Neben dem breiten inhaltlichen Spektrum und vielfältigen Anregungen zum Nachdenken und Handeln kristallisierten sich „fünf Take Aways des Abends“ heraus, die uns für unsere weitere Arbeit Orientierung, Ansporn und Kraft in unseren Aktivitäten und einen sich abzeichnenden Lösungsrahmen in unserer Friedensarbeit vor Ort mitgaben.
Die 5 Take Aways des Abends
- Peace matters!
Das Thema Frieden ist komplex, realpolitisch verfahren und verlangt dauerhafte Aufmerksamkeit. Die ansprechende Besucherzahl mit „vollem Haus“ zeigt: Das Bedürfnis nach Dialog, eigener Meinungsbildung und dem Setzen von Zeichen – ganz gleich wie klein sie auch erscheinen mögen – bewegt viele Menschen tief und lädt sie zum Mitwirken ein
- Veränderung beginnt bei der eigenen Haltung
Frieden erfordert den aktiven Einsatz konkreter Handlungsinstrumente im Umgang miteinander: Zuhören, Dialogfähigkeit, Streitbarkeit, Resilienz sowie die Akzeptanz abweichender Meinungen und Emotionen. Nur wer Frieden zum eigenen Anliegen macht und mitgestaltet, erwirkt langfristig Veränderung. In Zeiten von zunehmender Aggression und Hass, Fake News und hektischem Turbojournalismus müssen wir uns wieder auf diese scheinbar einfachen Grundtugenden zurückbesinnen und diese konsequent leben.
- Regionale Verankerung stärkt Eigenwirksamkeit
Das gemeinsame Diskutieren physisch vor Ort nimmt Menschen in ihren Emotionen, ihren Ängsten, ihrer Wut und Unentschlossenheit ernst. Empathie und Verständnis im unmittelbaren Umfeld aufzubauen ist kein naiver Ansatz, sondern kann als zentraler Lösungsschlüssel verstanden werden: Handlungsorientierte Impulse aus dem lokalen Raum prägen maßgeblich die gesellschaftliche Friedensentwicklung mit.
- Friedensarbeit besitzt viele Facetten und ermöglicht vielfältige Lösungen
Die Lösungsansätze reichen von rational-politischen Abwägungen bis hin zu zutiefst menschlichen, erfahrungsbasierten Perspektiven. Obwohl diese Vielfalt auf den ersten Blick unübersichtlich wirkt, ermöglicht gerade das Zusammenspiel unterschiedlicher Standpunkte neue Dimensionen des Nachdenkens und Handelns.
- Diskurs als Lösungsansatz und Lösungsinsel
Resilienz und Toleranz schaffen Räume, in denen eigene Positionen kontextualisiert und Drittperspektiven integriert werden können. Das Aufspannen eines konstruktiven Debattenraums ermöglicht es, trotz unterschiedlicher Paradigmen gemeinsame Anknüpfungspunkte zu finden.
Wie wir in der Arbeitsstelle inhaltlich mit den Vorträgen umgehen wollen
Die Arbeitsstelle Gerechtigkeit und Frieden e.V. nimmt die vorgetragenen Positionen und die Reaktionen zum Anlass, die genannten sicherheitspolitischen Ansätze weiter zu analysieren und zu bewerten. Der Verein wird im nächsten Schritt Formate erarbeiten, um die Impulse sachlich aufzugreifen und konkrete Handlungsoptionen für die eigene Arbeit vor Ort abzuleiten.

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